Dürre

Sie saßen am Strand mit schweren, von Trauer erfüllten Herzen. Ihr Blick schwebte in die Ferne, nichts sehend, kein Ziel erfassend. Die Dürre hatte ihnen alles genommen: ihr Leben, ihre Lieben, ihr Zuhause. Alles um sie herum war tot, zu Staub zerfallen. Was einst voller Leben war, war nun verdorrt. Das immer satte Grün der Pflanzen hatte sich in den Ton weißer Knochen verwandelt, die auch ihre Wege säumten. Keiner wusste genau, wann es begonnen hatte. Es war langsam und schleichend passiert und hatte sie doch wie ein Schlag getroffen. Die Kinder und die Alten erwischte es zuerst, wie es immer war. Als das Getreide verdorrte und die Tiere verendeten, gab es zu wenig. Zu wenig von allem.
Dann starben auch die Menschen. Als es den ersten traf, hofften noch alle, dass sie die große Hitze überlebten. Er war ein alter Mann, seine Tage waren schon lange vor dieser Zeit gezählt. Die Kinder im Dorf spielten ihm gerne Streiche. Wutentbrannt stürmte er den Bengeln hinterher und schrie ihnen Flüche an den Kopf. Doch wer sein wettergegerbtes Gesicht dabei sah, wusste, dass er die Kleinen liebte, jeden von ihnen. Als er starb, gab es einen Trauerzug durch das Örtchen. Keiner wusste, dass er der Erste von vielen sein sollte. Es war ein würdiger Abschied für einen alten Freund.
Es schien nach seinem Tod schlimmer zu werden, als wäre Mutter Erde erzürnt. Innerhalb von drei Wochen trockneten die Brunnen aus, keiner konnte seine Felder bestellen. Die Frauen gingen jeden Tag in die Nachbarorte, um Wasser herbeizutragen. Doch immer öfter kamen sie mit leeren Händen zurück. Das war der Zeitpunkt, als das große Kindersterben begann. Die Frauen aßen und tranken zu wenig und bald konnten sie ihre Kinder nicht mehr stillen. Die Kleinen weinten und schrien in den Nächten vor Hunger und Schmerz. Am Morgen war in vielen Häusern eine trügerische Ruhe eingekehrt, bis die Mütter mit schmerzverzerrten Gesichtern und weißen Bündeln in den Armen aus den Türen traten.
Sie hoben Löcher aus, für jeden Tag eines. Zu dieser Zeit wurden die Namen der Toten noch auf Kreuze geschrieben. Auch das nahm ein Ende, als der Pastor, der einzige Schriftgelehrte im Dorf, eines Tages die Augen für immer schloss. Von dieser Zeit an war ein Nebel der Gleichgültigkeit über die Bewohner gelegt. Die Toten wurden dort gelassen, wo sie starben. Ein Geruch nach Verwesung und Exkrementen durchzog die Gassen. Keiner wusste, ob er den nächsten Tag noch erleben würde.
Und nun waren nur noch sie beide übrig. Ein Dorf von 80 Einwohnern war innerhalb zweier Monate ausgerottet. Doch sie zwei hatten es überlebt. Gemeinsam – wie sie auch die letzten dreißig Jahre verbracht hatten. Sie hatten sich ein Haus mit einem kleinen Garten gebaut. Hier wuchsen alle Arten von Getreide, sogar einige Sorten Gemüse. In den letzten Jahren hatten sie auch eine Ziege und einen Bock, die auch Nachwuchs zeugten. Die Zicklein konnten sie an die Nachbarn verkaufen und aus der Milch Käse herstellen. Dadurch hatten sie nie Hunger leiden müssen und auch ihre Kinder nicht.
Doch nun war alles vergangen. Der Garten war Ödland, die Tiere schon vor Wochen geschlachtet und alle Kinder zu Grabe getragen. Sie saßen an jenem Morgen auf einem Felsen, ihrem Felsen, auf dem sie sich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal hingegeben hatten. Sie wussten beide, dass der Zeitpunkt nun gekommen war. Der dunkle, schlaksige Mann hatte die Schrotflinte, die er früher gegen die Kojoten verwendet hatte, mitgebracht. Liebevoll bückte er sich zu seiner Frau hinab, küsste sie auf die Stirn und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie brauchten keine Worte. Ihre Blicke sagten alles, was in diesem Moment von Bedeutung war.
Zwei Schüsse schreckten die Vögel im kargen Baum über dem Felsen auf. Als die erste Fliege auf dem toten Körper der schönen alten Frau landete, um ihre Eier abzulegen, wurde sie plötzlich von etwas unterbrochen. Es war der erste Tropfen Regen.