Roter Knopf

Sie spielte mit einem der roten Knöpfe ihrer Jacke, wie sie es immer tat, wenn sie in Gedanken versunken war. Ann-Mary saß im großen, luxuriösen Zimmer ihres Altenheims. Der Sessel unter ihr war aus rotem Samt. Sie liebte Rot. Sie hatte ihr Leben lang gerne Rot getragen. Es war eine starke Farbe, eine Farbe, die Macht ausdrückte und ihre Familie besaß Macht. Sie hatte immer dafür gesorgt, dass es ihrer Familie gut ging. Fünf Kindern hatte sie das Leben geschenkt. Sie und ihr Ed hatten sich darum gekümmert, dass aus allen etwas wurde. Sie selbst hatten sich ganz nach oben gearbeitet mit Disziplin, harter Arbeit und Regeln. Es war nicht immer leicht gewesen.


Ann-Mary war in einer Zeit geboren, in der Männer und Frauen noch ihren Platz kannten. Jeder wusste, was seine Aufgabe war. Es war eine bessere Zeit gewesen.
Auch, wenn es manchmal Tage gab, an denen sie zurückdachte und wusste, dass die Nostalgie trügt. Insbesondere wenn sie an ihre kleinen Jungen dachte. Ach, die Jungen. Sie hatte sie besonders geliebt, vor allem den kleinen Ronald. Er war mit langen, blonden Haaren auf die Welt gekommen, die ihm schon wenige Tage nach der Geburt zentimeterweit vom kleinen Köpfchen abstanden.


Er war ein weinerliches Kind gewesen. Kränklich, gar nicht kernig und stark. Das hatte seinen Vater zornig gemacht. Der Junge bekam so viele Prügel, dass die blauen Flecken kaum verheilen konnten. Und was machte sie, anstatt das kleine weinende Bündel in die Arme zu schließen? Sie wand sich ab. Sie verschloss sich vor ihm und vor der Welt. Kälte war ihre Antwort.


Heute noch, nach all den Jahren, wurde sie in der Nacht wach. Sie hörte das Wimmern des Jungen aus dem Nebenzimmer. Sie stand auf und suchte nach ihm. Doch irgendwann wurde ihr klar, dass ihr kleiner Junge mittlerweile selbst Großvater war.


Auch dies hatte ihr zugesetzt.

Die kleinen blonden, rotbackigen Dinger mit ihren Müttern, die sie von vorne bis hinten verhätschelten. Diese furchtbaren Närrinnen. Sie machten die Kinder zu Weicheiern, die sich im Leben nicht würden durchsetzen können. Eine lebensunfähige Generation, wie selbst die Zeitungen anprangerten.
Doch wenn ihr dann die Bilder der großen Kinderaugen in den Sinn kamen – voller Tränen, Angst und Suche nach Hilfe – die Augen ihrer Kinder.


Wären sie vielleicht lieber bei diesen modernen Weibsbildern aufgewachsen?
Aber nein, solche Gedanken brauchte sie sich nicht machen. Jedes ihrer Kinder war eine Größe und wusste sich im Leben zu behaupten. Sie waren harte und mächtige Menschen geworden. Gerade ihr kleiner Ronald, den Ed immer so grob behandelt hatte, war außerordentlich groß geworden. Ein ganz besonderes Kind.

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Zur gleichen Zeit saß ein großer, weißer Mann mit schweißnasser Stirn in einem weißen Haus in seinem ovalen Büro. Er hatte den Hörer auf die Gabel geworfen. Der verdammte Araber. Wie sehr er ihn und alles, wofür er stand hasste. Er wagte es tatsächlich, sich gegen ihn zu stellen. Er hatte offen ausgesprochen, dass er all seine Maßnahmen, ihn in die Schranken zu weisen, für lächerlich halte. Lächerlich. Er hatte sich am Hörer lustig gemacht über ihn. Wie konnte er es wagen? Sein Puls begann zu rasen.


Er schob die durchsichtige Schutzhülle zurück und streichelte fast sanft den roten Knopf. Eine Bewegung seines Fingers und dem schmutzigen Gesindel würde das Lachen im Hals stecken bleiben. Er würde es nicht zulassen, dass sich jemand über ihn lustig machte. Er war der mächtigste Mann der Welt und kein kleiner Junge, den man einfach in die Ecke stellte und beschämte.
Sein Finger zuckte, und er rieb noch einmal über den Knopf, als wäre es eine Wunderlampe und ein Dschinn würde jeden Moment daraus hervorkommen. Er atmete abgehackt, kam richtig in Rage.


Und als sich sein Finger zitternd auf den Weg machte, eine ganze Nation von der Landkarte auszulöschen, blieben sie schwebend in der Luft hängen. Und für einen Moment spürte er den Stoff ihrer roten Jacke – rau, warm, vertraut – und er sah ihre Finger, wie sie gedankenverloren immer wieder an einem der roten Knöpfe drehte.
Er schloss die Augen.