Seidenpapier und Staub
Hallo, mein Name ist Hirrah. Ich komme ursprünglich von einem ziemlich schönen Fleckchen Erde. Es ist meist sehr heiß dort, mit vielen Kamelen. Wenn du Kameldung nicht magst, ist das nichts für dich.
Ich erblickte das Licht der Welt auf dem Handwerkstisch meiner Schöpferin Nadia. Sie hatte einen festen Griff und raue Hände, die aber zärtlich mit mir umgingen. Sie gab sich besonders viel Mühe mit meinen Schnurrhaaren, und als ich – ein hübsches Kerlchen, wie sie mir versicherte – grau getigert vor ihr stand, murmelte sie, dass ich noch ein Halstuch
bräuchte. Also nahm sie bunten Zwirn und begann, auf ein weißes Stück Leinen ein Muster einzusticken. Als sie fertig war, spannten sich feine rote Linien über das Tuch, wie eine Vielzahl kleiner Quadrate. Sie band mir das Dreieckstuch schief um den Hals und meinte, ich würde damit noch verwegener aussehen.
Das musste ich auch, hatte ich doch eine weite Reise vor mir. Ich sollte mit einem Soldaten in seine Heimat fahren, irgendwohin nach Europa. Kaum zu glauben.
An dem Abend, als es losgehen sollte, bettete mich Nadia behutsam in rotes Seidenpapier und steckte mich in einen schönen Karton, damit sich das Mädchen des Soldaten beim Auspacken freuen würde. Sie übergab mich dem Jungen, der für sie das Beladen der Transporter übernahm. Der war meist etwas neben der Spur, weil er schwer verliebt in eine
Klassenkollegin war. An diesem Abend legte er mich, Hirrah, jedoch in den falschen Transporter.
Der Wagen, für den Grenzposten bestimmt, war vollbeladen und fuhr ab. Als ich den Fauxpas merkte und versuchte, auf mich aufmerksam zu machen, prallte mein Plüschtierstimmchen, wie bei allen Erwachsenen, an seinen Ohren ab. Also ging die Reise für mich in eine andere Richtung.
Im Bauch des Transporters spürte ich nur das Ruckeln der Straße, die Hitze der Sonne und die Stopps an Kontrollpunkten. Bei einem wurde die Tür unsanft aufgerissen, und einige Pakete um mich herum wurden durchsucht. Aber ich blieb unbehelligt und konnte in meiner Kiste ein Nickerchen halten.
Das war gut, denn als ich an meinem unverhofften Ziel ankam, öffnete ein kleiner, braunäugiger Wirbelwind den Deckel meiner Schachtel. Lina war das schönste Wesen, das ich jemals gesehen hatte. Sie hatte dunkle Locken, Augen und ein Lächeln, dem man kaum etwas abschlagen konnte. Sie nahm mich aus der Schachtel und drückte mich mit voller Kraft gegen ihre Brust. Dabei sprang sie jauchzend auf und ab und sang Dankeshymnen auf ihren Vater, der mich scheinbar für sie gekauft hatte.
Linas Eltern vergötterten sie. Das Mädchen war der Sonnenschein der Familie. Wenn sie am Morgen durchs Haus sprang, um ihre Brüder zu wecken, zauberte sie mit ihrer quirligen Art jedem ein Lächeln ins Gesicht. Sie liebte es, mit ihrer Mutter in der Küche Kekse zu backen, jede Dattel, jede Pistazie handverlesen.
Mein Leben bei Lina war genau so, wie es sich ein Plüschkätzchen wünschen konnte: tagsüber voller Abenteuer und Essensdüfte, nachts eingekuschelt mit meinem Lieblingsmenschen.
Doch das änderte sich. Lina und ich merkten schon seit Tagen, dass die Familie unruhig war. Die großen Geschwister gingen nicht mehr zur Schule. Die Eltern sprachen viel allein und hinter verschlossenen Türen. Lina sagte, dass sie Angst hatte, auch wenn wir beide nicht verstanden, wovor.
Wir lagen im Bett und versuchten zu hören, was die Eltern im Nebenzimmer sprachen. Es war vom Weggehen die Rede – aber wohin? Was würde passieren, wenn wir blieben? Kurze Zeit später erfuhren wir es. Mitten in der Nacht riss Linas Vater sie aus dem Bett. Sie ließ mich fallen, ich landete hart auf dem Boden. Aus dem ganzen Haus hörte ich Rumoren und laute Stimmen. Lina schrie, ihr Vater hob mich auf und gab mich in die verschwitzten
kleinen Hände, die sich nach mir streckten. Wir liefen. Alle liefen. Wir versteckten uns zwischen Dutzenden anderen Menschen – alle erstarrt und wartend.
Dann ging es los. Es krachte in der Ferne, Fenster zersplitterten, und alle zuckten zusammen. Eine Welle des Entsetzens ging durch die Anwesenden. Kinder begannen zu weinen. Ich spürte Linas Tränen mein Fell hinunterlaufen, ihre erstickten Schreie in meinem Bauch. Wir hatten keine Ahnung, was geschah, warum es geschah und wie es enden sollte.
Seitdem war Zeit vergangen. Wir wussten nun, dass es Bomben gewesen waren. Unser Haus war, wie fast alle, zerstört. Nun lebten wir zwischen Zelten und Baracken. Mein Mädchen wurde immer blasser, kaum noch Haut und Knochen. Wir hörten die Kinder um uns herum nachts weinen. Am Morgen wachten weniger auf, als am Abend zu Bett gegangen waren. Über uns allen lag eine Endgültigkeit, die sogar das Leuchten aus Linas Augen gestohlen hatte.
Oft frage ich mich: Warum bin ich damals in diesem LKW gelandet? Warum hat mein Leben diese Wendung genommen voller Gefahr, Angst und Entbehrungen? Aber was stelle ich mich so an? Lina ist genauso unschuldig in dieser Hölle wie ich. Sie hat sich nicht ausgesucht, wo sie geboren wird, und nichts zu diesem Konflikt beigetragen. Also ist es meine Aufgabe, ihr bis zum letzten Moment beizustehen. Dieser wird wohl viel früher kommen, als es ein so wundervolles Wesen wie Lina verdient hätte.